
Marc Bijl ist die Wunschbesetzung für die Eröffnung des neuen Ausstellungsraumes im einstigen Senatsreservenspeicher. Bite the Beef ist die erste Ausstellung in der Reihe Super Reactive Subjects und zeigt (Leer)raumgreifende Skulpturen, Videodokumentationen städtischer Interventionen sowie Parolen und „Abstract Activism Paintings“, die im und um den Ausstellungsraum entstehen. Der Wahlberliner sorgt seit Jahren mit Aktionen im öffentlichen Raum, aber auch in der Kunstwelt für Aufsehen, wie seine jüngste Einzelausstellung im Fridericianum beweist.
Farbbomben, krude Graffiti-Slogans, pechtriefende Plastiken, Skulpturen aus Konstruktionsmaterial. In ihrer einfachen Materialität und Gegenstandslosigkeit sind die Arbeiten von Marc Bijl einerseits Reverenz an die Kunstgeschichte, andererseits auch eine Hommage an den Alltagsvandalismus und verschmelzen so den Kunst- mit dem Stadtraum.
Diese Kombination gelingt vor allem deshalb, weil der Künstler sich der Objekte und einer abstrakten Formsprache als Zeichen bedient, hinter denen sich Ideen und Geschichten verbergen. Marc Bijl spielt mit den Mythen und Codes von Hoch- und Subkultur, zwischen Religion und Politik, Kunst und Pop. Seine Werke infiltrieren deren Zeichensysteme, verkehren ihre Bedeutung und durchbrechen die Routinen der Kunstwelt, aber auch der Subkultur.
Der Betrachter muss sich neu orientieren, im Koordinatensystem zurechtfinden, sein Urteil überprüfen, einen neuen Kontext erkennen und sich gar von den Werken durch den Raum dirigieren lassen. Direkte Bezüge auf die Kunstgeschichte der Moderne, jedoch in postmodernem Gewand, zelebrieren den Charme von Verfall und Zerstörung als Befreiung. Bijls Werke schaffen im Stadt- und im Kunstraum eben jene „defensible spaces“, die Oscar Newman 1976 als notwendige Folge der zerstörerischen Reaktion auf die Architektur der Moderne beschrieb.
In der Kombination aus legalen und weniger legalen Interventionen, charakterisiert Bijl die Logik von Kunstsystem und Subkultur als absurdes Paradox. So versetzte er während der Documenta 11 im Jahr 2002, ein Jahr nach den Anschlägen auf das World Trade Center, Kunstpublikum und Fridericianum in Aufregung, als er unaufgefordert die Buchstaben T.E.R.R.O.R. auf die sechs Pfeiler des Portikus schrieb. Sieben Jahre später entschied er sich für den Slogan „Modern Crisis“ – dieses Mal auf Einladung und, wie sich zeigte, mit Unterstützung desselben Hausmeisters, der die Säulen 2002 eilig übertüncht hatte.
„Bite the Beef“ zielt nicht nur auf die Routinen von Kunstbetrieb und Gesellschaft, sondern gleichzeitig auch auf eine Subkultur, die vermeintlich außerhalb dieser Welten agiert.
Zur Ausstellung erscheint eine Edition. Am 29. April um 20:00 Uhr findet ein Künstlergespräch statt. Das Künstlergespräch muss leider ausfallen!
BITE /baɪt/
• verb (past bit; past part. bitten) 1 use the teeth to cut into something. 2 (of a snake, insect, or spider) wound with a sting, pincers, or fangs. [...] - Oxford English Dictonary
„to copy another writer’s style“ - Subway Art, 1984
BEEF /biːf/
• noun 1 the flesh of a cow, bull, or ox, used as food. 2 (pl. beeves /beevz/ or US also beefs) a cow, bull, or ox fattened for its meat. - Oxford English Dictonary
What’s beef? Beef is when you need two gats to go to sleep // Beef is when your moms ain’t safe up in the streets [...] - The Notorious B.I.G., 1997

Reaktionsfreude im Stadtraum
Super Reactive Subjects heißt die neue Ausstellungsreihe im einstigen Senatsreservenspeicher. Sie vereint Akteure und Themen, die – ähnlich freien Radikalen – kompromisslos mit ihrem Umfeld reagieren. Ohne Berührungsängste reflektieren sie kunsthistorisches Erbe und städtischen Raum, fordern Kunstbetrieb und Subkultur heraus – subtil oder unmissverständlich, legal oder weniger offiziell. Die ebenso konzeptstarken wie persönlichen Arbeiten bewegen sich jenseits gewohnter Formate und Gegenständlichkeit, fernab vermeintlich subversiver öffentlicher Design-Portfolios.
Alle Künstler der Reihe Super Reactive Subjects teilen die erhöhte Aufmerksamkeit im Stadtraum und das Gespür für ihr gesellschaftliches Umfeld, ganz gleich ob ihr Werdegang auf der Kunstakademie oder mit der Ausbildung im Stadtraum begann. Bis Ende des Jahres werden monatlich Einzelausstellungen mit zeitgenössischen Positionen gezeigt, u.a. mit Künstlern wie Blu (IT), Javier Hinojosa (MEX), Nasan Tur (D), Nug (SE), Willem Besselink (NL).
Beitrag zur Ausstellung im Deutschlandfunk













